Neue Literarische Gesellschaft Marburg

-Literatur um 11-

 

 

 

 

 

 

 

 

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Rückblick: Programmhefte, Termine und Autoren seit 2010

Medien-Echo zu unseren Veranstaltungen


Das neue Programm von Literatur um 11
mit internationaler Belletristik und wissenschaftlichen Vorträgen

Im Mittelpunkt der neuen Saison im Café Vetter steht die ukrainische Literatur. 25 Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit haben sich die neuen ukrainischen Autoren in Europa etabliert. Angesichts der gegenwärtigen Krise artikuliert sich in ihren Werken auch die aktuelle Situation. Neben der Belletristik hat sich die Reihe „Uni im Café“ als zweites Standbein des Programms durchgesetzt. Es beginnt am 25. September mit einem Vortrag von Dr. Joachim Kahl, der sich des fast vergessenen deutschen Dichters und Denkers Johann Gottfried Herder (1744-1803) annimmt.

Ein erster literarischer Höhepunkt ist Guntram Vesper mit seinem umfangreichen Roman „Frohburg“. Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, entwirft Vesper ein umfassendes Bild des deutschen Alltagslebens im 20.Jahrhundert, ein Panorama aus autobiographischer Darstellung und erzählter Geschichte, ein „Mammutwerk, ein Opus magnum“, wie die Kritik bescheinigte. Nicht zu Unrecht wird Vesper mit Walter Kempowski verglichen.

Am 16. Oktober stellen sich mit Boris Chersonskij und seiner Frau Ljudmila (beide in Odessa lebend) die ersten ukrainischen Autoren vor. Boris Chersonskij, Schriftsteller, Übersetzer, klinischer Psychologe und Psychiater an der Universität, liest aus seinem Roman“ Familienarchiv“; seine Frau Ljudmila trägt Lyrik vor. „Familienarchiv“ ist eine russisch-jüdische Familiengeschichte durch die Tragödien des 20.Jahrhunderts.

Aus Slowenien kommt Ales Steger, Jahrgang 1973, meistübersetzter Autor seiner Generation, dessen Roman „Archiv der toten Seelen“von der Kritik als Mischung aus „Bulgakow und Beckett“ gefeiert. Professor Hermann Hofer, selbst Romancier, stellt bei Uni im Café Stendhal, eigentlich Henri Beyle, den Autor der berühmten und oft verfilmten Romane „Rot und Schwarz“ und „Die Kartause von Parma“ am 6. November vor.

Serhij Zhadan führt uns mitten in den Alltag in der Ukraine. „Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht“. Gedichte und Prosa des fulminantesten Vertreters der jungen Generation. Er Kommt am 11. November.

Dr. Heiko Postma, der nach 35 Jahren Präsenz im Café Vetter längst zum Marburger Kulturleben gehört, widmet sich Theodor Fontane in zwei Veranstaltungen, erstmals am 20. November mit Schwerpunkt Balladendichtung, Wanderungen durch die Mark Brandenburg und Schottland, dem Journalisten und Theaterkritiker, bevor er im Frühjahr 2017 den großen Romancier vorstellt.

Am 1. Advent, 27. November, kommt als Kritiker des Konsumrausches noch mal Joachim Kahl mit der“ Kleinen Philosophie des Schenkens“. Marburger lesen ihr Lieblingsgedicht findet zum 4. Mal am 4. Dezember statt. Die traditionelle Weihnachtsmatinee mit Heiko Postma beschließt das Jahr 2016. Das Programm 2017 folgt zum Jahresende.


So, 4. Dezember, 11 Uhr, Café Vetter
Marburgerinnen und Marburger lesen ihre Lieblingsgedichte
Musikalische Umrahmung: Justus Noll, Piano; Alexander Reiners, Saxophon
"De la musique avant toute chose ..."

Bereits zum vierten Mal gestalten Literaturfreunde ein Programm im Café Vetter selbst und tragen ihre Lieblingsgedichte vor. Magie, Klang, Musik und Reim kommen in der heutigen Lyrik häufig zu kurz, gehören aber zum Urgrund der Poesie.

Vom Altgriechischen, vom Latein zum Französischen, Italienischen bis zum aussterbenden schlesischen Dialekt (man denke nur an Gerhart Hauptmanns "Weber") und Neugriechischen reichen die Beispiele.

Es tragen vor: Susanne Vaupel, Inge Reifenberg, Roswitha Aulenkamp, Inge Hauschild-Schön, Professor Hermann Jungraithmayr, Dr. Sunhilt Rieckhoff, Dr. Boris Dunsch, Rossano Carraro und Professor Arbogast Schmitt.

Eintritt: 10,- € / Mitglieder, Studenten 8,- €


So, 18. Dezember, 11 Uhr, Café Vetter
Dr. Heiko Postma
Weihnachtsmatinee
Felix Timmermans und seine adventliche Geschichte „Sünnerklaus in Not“
(„De Nood van Sinter-Klaas“)

Heiko Postma:
„Ein Abend – auserkoren für Wunder und Mirakel“

Der heilige Nikolaus steckt in einer argen Klemme: Da hat er mit seinem kletterkundigen Helfer, dem Schwarzen Piet, allen Kindern eines flämischen Städtchens – per Abwurf durch den Schornstein – seine Gaben beschert; die Körbe sind leer; doch nun merkt er zu seinem Schrecken, dass ausgerechnet die kleine Ceciltje, „das bravste Kind der Welt“, leer ausgegangen ist. Was ist zu tun? Zwar steht im Süßwaren-Laden von Trientje Mutser noch ein großes – zum Kummer der Inhaberin unverkauftes – Schokoladenschiff, aber davon wissen die beiden Himmlischen nichts. Eine bös vertrackte Angelegenheit.

Wie dieser vorweihnachtliche Notfall aber allen, auch allen noch folgenden Komplikationen und Widrigkeiten zum Trotz erfolgreich gelöst wird – das hat der flämische Autor Felix Timmermans 1924 in seiner schönen (und pfiffig humorvollen) Geschichte „Sünnerkllaas in Not“ geschildert, die Heiko Postma am 4. Advent zur Weihnachtsmatinee im Café Vetter vortragen wird. Dazu gibt es Erhellendes über die Person des historischen Bischofs Nikolaus, über die Legenden, die sich um ihn ranken, und über die unterschiedlichen Sitten und Gebräuche am großen Tag dieses Heiligen, der in Flandern und den Niederlanden nur volkstümlich liebevoll „Sinter-Klaas“genannt wird (im plattdeutschen Nordwesten entsprechend „Sünnerklaus“).

Doch auch über Leben und Werk des fröhlich frommen, prall lebensvollen Erzählers Felix Timmermans (1886-1947) gibt’s Einiges zu hören, ehe die beiden überirdischen Besucher samt ihrem Eselchen auf einem Modstrahl wieder gen Himmel ziehen. Bis zum nächsten Jahr ...

Eintritt: 12,- € / Mitglieder, Studenten 10,- €


2017:
So, 15. Januar, 11 Uhr, Café Vetter
Professor Dr. Detlef Jena

Die Ukraine – eine europäische Problemregion zwischen Fremdbestimmung und nationalen Mythen.

„Auch in der Ukraine bin eine Waise, mein Freund, wie in der Fremde.“
Der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko (1814-1861), der begraben sein wollte, wo der wilde Dnjepr (Dnipro) rauscht, symbolisiert mit seinem Leben und seinem poetischen Werk im übertragenen Sinne die brisanten und heftig diskutierten Fragen, warum die Ukraine seit über 1000 Jahren ein Schlachtfeld europäischer Großmächte ist, warum Nations- und Staatsbildung des ukrainischen Volkes so unendlich kompliziert geblieben sind und warum es kein einziges Problem in der ukrainischen Geschichte gibt, das nicht extrem politisiert wird und umstritten bleibt.

Das betrifft den Mythos von der 1000jährigen staatlichen Tradition ebenso wie die Wechselbäder der Ukrainer zwischen polnischen, russischen, osmanischen oder habsburgischen Einflüssen in der Sprache, Literatur und Kultur. Das betrifft die stolze „nationale“ Mission der Kosaken, die nachhaltigen Konflikte zwischen orthodoxer, muslimischer und katholischer Religion, die Mentalität und das nationale Bewusstsein der Ukrainer.

Mit einem Wort: Die aktuelle Krise um die Ukraine reflektiert eine tragische „Normalität“ in der langen Geschichte eines von europäischen Großmachtinteressen gebeutelten Volkes, das nie die Kraft benachbarter Polen, Rumänen, Slowaken, Ungarn und auch Russen oder Weißrussen zu nationaler Emanzipation entfalten konnte.

Der Vortrag geht im Kontext der gesamten ukrainischen Geschichte besonders auf jene Phase im 17./18. Jahrhundert ein, in der die größten Chancen für eine eigenständige Entwicklung des ukrainischen Volkes bestanden, als die freien Kosaken noch ordinäre Briefe an den türkischen Sultan richteten und selbstbewusst sangen: „Staunen sollt ihr, gute Leute, was in der Ukraine sich erhebt ...“


So, 29. Januar, 11 Uhr, Café Vetter
Stefan Gille und Professor Dr. Wolfgang Müller
Edgar Allan Poe
Lesung und Vortrag. Eingangs liest der durch die "Hörtheatrale" bekannte Schauspieler Stefan Gille die Erzählung "Die Wassergrube und das Pendel".

Edgar Allan Poe ist ein faszinierender amerikanischer Dichter des 19. Jahrhunderts, der seine Leser über die Zeiten hinweg in seinen Bann zieht und sie fragen lässt, wie denn ein Mensch derartig bizarre Geschichten erzählen und obsessive und gestörte Seelen darstellen kann wie er.

Die Frage nach der Biographie ist zwar wichtig und aufschlussreich, sie kann aber die Besonderheit der Werke, die das Ergebnis künstlerischen Wollens und künstlerischer Visionen sind, nicht erklären. Aufgrund seiner zahlreichen Innovationen besitzt Poes relativ schmales Werk weltliterarischen Rang. Er hat mit der Detektivgeschichte, der Schauererzählung, der Science-Fiction und einer suggestiven, klangbetonten Lyrik neue Gattungen und Formen geschaffen, die in die ganze Welt gewirkt haben.

Der Vortrag zeigt die polare Spannung seiner Texte zwischen intensivster Emotionalität und kühlster Rationalität. Keiner hat die Abgründe der Seele von Verbrechern, Opfern und Psychopathen tiefer ausgelotet und Emotionen wie Angst, Grauen, Rache, Trauer intensiver dargestellt. Hinzu kommt das ins Bizarre gesteigerte Interesse an parapsychologischen und okkultistischen Phänomenen.

Poe war Amerikaner, aber imaginär in der ganzen Welt zu Hause. Seine Detektiverzählungen handeln in Paris, sein Flaneurgeschichte „Der Mannn in der Menge“ in London, Erzählungen von Rache und Tod in Italien und Spanien. “Ligeia“ mit der Thematik der Verdoppelung der Frau knüpft an die Rheinromantik an. Poe hat auch bedeutende literaturkritische Essays geschrieben.

Eintritt: 12,- € / Mitglieder, Studenten 10,- €


So, 12. Februar, 11 Uhr, Café Vetter
Professor Dr. Egon Flaig

Gegen den Strom

Egon Flaig ist emeritierter Professor für Alte Geschichte (Universität Rostock). Das Spektrum seiner Forschungen ist sehr breit. Es reicht von den Ritualen antiker Politik über die Sklaverei bis zum Politischen Denken über die Demokratie.

Sein letztes großes Buch analysiert die historische Entstehung und die kulturelle Dynamik der ‚Mehrheitsentscheidung’. Sein Buch ‚Gegen den Strom’ plädiert für eine säkulare Republik Europa. Wenn eine solche Republik kein bürokratisches Monster vom Brüsseler Typ werden soll, sondern eine Demokratie, dann kann sie nur geschaffen werden auf der Basis von Volksentscheiden, die letztlich zu einem europäischen Bundesstaat führen und zur Bildung einer europäischen Nation.

Das erfordert allerdings, dass die Europäer sich darauf besinnen, was die europäische Kultur zu einer besonderen macht, und dass sie diese Besonderheit als wesentlich für ihre kulturelle Identität anerkennen. Da nur eine Zukunft hat, wer sich auf seine Vergangenheit besinnt, ist für diesen Prozeß der Neukonstituierung Europas ein neues kulturelles Gedächtnis der Europäer nötig, nämlich eines, das die Nationalgeschichten hinter sich lässt und stattdessen die europäische Besonderheit und ihre historische Genese ins Zentrum rückt.


Uni im Café
So, 19. Februar, 11 Uhr, Café Vetter
Professor Dr. Arbogast Schmitt
Wie aufgeklärt ist die Vernunft der Aufklärung?
Eine Kritik aus aristotelischer Sicht.


In der Auseinandersetzung um das Verhältnis der westlichen Moderne zu anderen Kulturen, Gesellschaften, Religionen spielt die Berufung auf die Aufklärung eine wichtige, vielleicht die wichtigste Rolle. Die Befreiung von der Bevormundung durch religiöse und politisch-gesellschaftliche Autoritäten durch die Entdeckung der Selbstständigkeit der jedem zur Verfügung stehenden eigenen Vernunft und die 'erst' dadurch möglich gewordene selbstbestimmte Freiheit des Individuums gilt vielen als ein erreichtes kulturelles Niveau, das nicht mehr unterschritten werden dürfe.

Dass diese 'Entdeckung' der Vernunft als eine erstmalige und einmalige Errungenschaft der europäischen Moderne ausgegeben wird, bringt aber viele Probleme der Verständigung mit den anderen 'vor-aufgeklärten' Kulturen mit sich. Am Beispiel von Aristoteles kann man zeigen, dass auch die moderne Vernunft ihre geschichtlichen Begrenzungen hat und dass es neben ihr berechtigte Formen eines anderen Verständnisses von Vernunft gibt.

Für Aristoteles beginnt die Vernunft nicht erst mit dem (nachträglichen) Bewusstsein, wenn diesem ein Gegenstand 'gegeben' ist, mit dem es umgehen kann, sondern wird als ein präsentisches Vermögen verstanden, das sich unmittelbar seinen Gegenständen zuwendet und daher auch mit Lust und Unlust besetzt ist. Diesen präsentischen Denkbegriff gegenüber dem 'repräsentativen' Verständnis von Denken des nachcartesianischen Bewusstseins möchte der Vortrag vorstellen.


So, 5. März, 11 Uhr, Café Vetter
Heimo Schwilk
Luther. Der Zorn Gottes.
Biographie